Pressestimmen

Spielfreude und Feingefühl

Das Akademische Orchester im Konzerthaus.

Waren sie vielleicht Gleichgesinnte – Carl Nielsen und Jean Sibelius, der Däne und der Finne? Ihre und die Werke des aus Ungarn stammenden Béla Bartók brachte das Akademische Orchester der Albert-Ludwigs-Universität jetzt auf die Bühne, bei seinem sommerlichen Konzert zum Semesterende. Alle drei verehrt als die Nationalkomponisten ihres Landes, alle drei an der Schwelle des ja katastrophenreichen 20. Jahrhunderts, als die Debatte um Musik und Identität entfachte: „Nichts ruiniert die Kunst mehr als Nationalismus und formalisierte Religion“ – so ließ sich warnend Carl Nielsen vernehmen.

Dessen Klarinettenkonzert erklang im Konzerthaus Freiburg nach Béla Bartóks Tanzsuite. Als Solist war dabei Kilian Herold aufgeboten, Professor an der Freiburger Musikhochschule und ehemaliger Soloklarinettist des SWR-Orchesters. Mit großem Ausdruck führte er durch Nielsens verzweigte Klangdramaturgie, ständig mit dem Orchester interagierend, mal zu den ersten Geigen gerichtet, dann mit dem Dirigenten Joonas Piktänen die Temponuancen gestaltend. Feinfühlig auch die Zugabe, bei der Kilian Herolds fesselnder Ton die Grenze zwischen Klang und Stille nahezu auflöste.

Eine Musik mit finnischem Stolz

Es folgte Jean Sibelius’ zweite Sinfonie, geschrieben um 1900, im russisch besetzten Finnland, deshalb auch „Sinfonie der Unabhängigkeit“ genannt. Die nordischen Melodien in sinfonisch-orchestraler Landschaft dirigiert der Finne Piktänen mit Hingabe. Im Finale kulminieren Pauken, Streicher und Holzbläser, eine mächtige Klangfläche ausbreitend. Darüber ertönt von Trompeten, Posaunen und Tuba eine wuchtige überzeitlich triumphierende Fanfare. Finnischer Stolz in Zeiten der Unterdrückung?

Sibelius selbst hat sich darüber nie geäußert. Carl Nielsen allerdings sehr wohl: „Patriotismus ist der letzte Ausweg des Schurken“. Ob Nielsen und Sibelius gleicher Meinung waren oder nicht – das Studentenorchester bewies, trotz hörbarer technischer Herausforderungen, Spielfreude und gestaltete drei Interpretationen auf hohem Niveau. Dass man kein Däne sein muss, um Nielsens Musik schätzen zu können, das sagte er schon selbst: „Wird die Musik national – ja, dann kommt das daher, dass diejenigen, die sie im Geist aufnehmen, sie national machen.“

Joss Reinicke, Badische Zeitung, 16.08.2018


Ein Auftakt nach Maß

Das Akademische Orchester Freiburg unter Joonas Pitkänen.

Für die vier Hörner ist der Beginn von Humperdincks „Hänsel und Gretel“-Vorspiel eine Nagelprobe: Das schlichte, anrührende Thema des Abendsegens – es soll auch so erklingen, zart, legato, ohne Kiekser. Mustergültig gelingt das beim ersten Konzert des Akademischen Orchesters Freiburg unter seinem neuen Dirigenten Joonas Pitkänen im voll besetzten Konzerthaus. Überhaupt ist die Ouvertüre ein Auftakt nach Maß, weil der Dirigent hier schon andeuten kann, wohin die Reise mit ihm geht: in Richtung satter Orchesterklang, bei dem die Farben ein ganz wichtiger Parameter sind. Der junge Finne lässt die Motive fluten, sorgt für flexible dynamische Gestaltung mit überzeugenden Crescendi und Decrescendi: wenn nicht „Kinderstuben-Weih-Festspiel“(Humperdinck), so doch eine ans Herz gehende Deutung dieser Musik.


Mit Hector Berlioz’ Symphonie fantastique wagen sich die Interpreten weit vor in den komplexen Kosmos der Romantik. Aber Pikänen lotet die Grenzen aus, um dem in allen Gruppen semiprofessionell besetzten Klangkörper daran wachsen zu lassen. Was der Interpretation noch fehlt, ist der letzte rhythmische Schliff, etwa gleich beim so filigranen Beginn des ersten Satzes. Aber umso frappierender ist, was alles funktioniert: das Glänzen des Violinklangs in der Ballszene; die pastorale Anmut des Dialogs von Oboe (auf der Seitenbühne) und Englischhorn. Oder der äußerst eindrucksvolle Beginn des Sabbatsatzes, in dem das Orchester über sich hinauswächst. Pitkänen schont die jungen Musikerinnen und Musiker nicht, verlangt ihnen auch in Tempofragen alles ab – sie belohnen ihn und das Publikum mit bemerkenswerten Sololeistungen und professionellem Corpsgeist.

Auch in der Kunst des Begleitens zeigt das Akademische Orchester höchste Tugenden. Camille Saint-Saëns’ Cellokonzert Nr. 1 fordert höchste Disziplin im komplexen Dialoggeflecht von Orchester und Solopart. Das Zuhören bereitet großen Spaß, natürlich vor allem, weil Astrig Siranossian dieses rhapsodische Werk mit ausgefeilter Technik spielt und einem sehr verinnerlichten, warmen Ton, der das französische Idiom dieser Musik unterstreicht. In den ganz leisen Stellen, gerade bei den lyrischen Themen, wird sie zur Klangphilosophin. Und dass die jungen Französin mit armenischen Wurzeln über eine exzellente Stimme verfügt, beweist sie in ihrer Zugabe, einer armenischen Volksweise: Singen mit zwei Stimmbändern und vier Saiten…

Alexander Dick, Badische Zeitung, 19.02.2018