Pressestimmen

Stille und Sturm

Akademisches Orchester und Bachchor mit Verdis Requiem.

Dass musikalische Werke aus der absoluten Stille erwachsen und wieder in sie zurücksinken,  ist beinahe nichts Besonderes – wie sie es tun, ist es schon eher. In Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ geschieht es auf ganz spezielle Weise. Schon sind wir mitten in der Freiburger Darstellung durch den Bachchor und das Akademische Orchester. Wer angesichts der enormen Schwierigkeiten des Werks stirnrunzelnd und mit reichlich Angst ins Konzerthaus gekommen war, dessen Stirn glättete sich bald, und seine Furcht verabschiedete sich schleunigst. Ja, er genierte sich nicht wenig. Hannes Reich stand letztmals am Pult des Universitätsorchesters, und die Ergebnisse, die er erzielte, waren in jeder Hinsicht außerordentlich. Er verwechselt unaufgeregt-genaues Dirigieren auch hier nicht mit zirzensischen Allüren, und dem Orchester gerieten auch heikelste Anforderungen.

Tatsächlich faszinierten der Pianissimo-Beginn der Celli mit dem wie geflüsterten „Requiem aeternam“-Anruf des Chors, wie er es in dieser Diszipliniertheit auch bei Vollprofis nicht feingliedriger kann: delikateste flirrende Klangwerte, Transzendenz schon im ersten Augenblick. So bleibt das: Verdis Kraft der Versenkung, seine verzweifelte Bitte um Gnade, die leidgeprüfte, flehentliche Introspektion dieser Musik – die Aufführung vermittelte es, und das auch dank der chorischen Präsenz in allen Stimm-Etagen. Die Schreckensvisionen des Jüngsten Gerichts toben wie später der „Otello“-Sturm. Die Fernklangpracht und die vorwärts peitschende Dramatik des „Dies irae“ schlagen hohe Wellen – ein wahrlich furchterregendes Szenario, atemversetzende Spannung immer wieder.

Und gerade weil vieles so eindrucksvoll gelang, müssen kritische Momente nicht großzügig übergangen werden. So, wenn sich ein obligates Holzblasinstrument allzu wichtig nimmt, wenn das „Sanctus“ an seiner Kulmination zu lärmig wird, wo eigentlich Schärfe gefragt ist, und vor allem, wenn Reich das „Ingemisco“, für Viele Verdis schönste Tenorarie, um jene Spur zu hastig angeht, die das Ausbreiten des berückenden Melos verhindert und Reginaldo
Pinheiro nicht zum wirklichen Ausphrasieren kommen lässt. Ansonsten färbt der Freiburger Hochschulprofessor seinen Part mit einem kostbar-weichen Timbre wunderbar belcantesk ein.

Die Solisten sammeln überhaupt weitere Pluspunkte für dieses Requiem: Barbara Havemans bis in die äußerste Höhe runder und auch zu leisen Tönen fähiger, entmaterialisierter Sopran, Hermine Mays weniger pastoser als nervig-schlanker Mezzosopran und Duccio Dal Montes kantig-profilierter, markanter Bassbariton. Am Ende nach langer Stille gewaltige Zustimmung und, von Chor und Orchester a cappella gesungen, das „Abendlied“ von Joseph Rheinberger

– Heinz W. Koch | Badische Zeitung, 3.7.2017



Wenn das „Nichtssagende“ so beredt zum Ausdruck gebracht wird

Das Akademische Orchester Freiburg begeistert unter seinem Chef Hannes Reich mit Gustav Mahlers fünfter Sinfonie und dem Ricercar von Bach/Webern.

Musik ist (auch) Nervensache. Besonders für die Ausübenden. Zumal dann, wenn sie die Partitur ganz alleine lässt, wenn sie sich nicht im Gewölle großer Tutti-Passagen einigeln können. Der Solotrompeter in Gustav Mahlers fünfter Sinfonie steht über elf Takte zu Beginn des  einleitenden Trauermarsches ganz allein da mit seiner Fanfare. Und er muss, so schreibt es der Komponist vor, die Auftakttriolen „stets etwas flüchtig“ spielen; als würden sie ihm entgleiten. Genauso nimmt man sie beim Konzert des Akademischen Orchesters (Aka) Freiburg im (jugendlich) voll besetzten Konzerthaus wahr – ein Auftakt nach Maß. Ein Auftakt zu einer Sinfonie, bei der man schon mal ins Räsonieren kommen könnte, ob sie sich ein Amateurorchester vornehmen darf.

Die Interpretation gibt eine eindeutige Antwort. O ja, es darf – es muss: Wenn es mit einer so konzentrierten, exzellent einstudierten Darbietung aufwartet wie unter Hannes Reich. Denn nicht nur, dass der Mensch mit seinen Aufgaben wächst. Die Frische, die Motivation, die spürbare Begeisterung springt über aufs Auditorium. Wenn ein genau differenzierender Mahler-Bewunderer wie der französische Schriftsteller Romain Rolland 1908 schrieb, Mahlers Fünfte strebe „ins Gigantische und ist dabei nichtssagend“, dann darf man nach diesem Abend hinzufügen: Nicht bei jeder Interpretation bekommt man dieses „Nichtssagende“ so beredt, so hochemotional serviert.

Unter Hannes Reich agiert das Akademische Orchester derzeit auf einem semiprofessionellen Niveau wie selten, das wird an diesem Abend schon mit Weberns Orchestersatz des Ricercar aus Bachs „Musikalischem Opfer“ deutlich. Diese Instrumentation, die ja in ihrer Künstlichkeit einer Laborversuchsanordnung gleicht, erfährt eine höchst sensible, wache Umsetzung: das Ineinander-Gleiten der Stimmen ist von exzellentem Fluss, nur ganz, ganz selten scheinen einzelne Stimmen unfreiwillig aus diesem austreten zu wollen.

Und von solch exzellentem Miteinander zeugt auch Mahlers Fünfte an diesem Abend. Hannes Reich hat dem Orchester eine spätromantische Brillanz im Klang anerzogen, und das bei ungemein differenzierter Behandlung der dynamischen Vorgaben. Wenn im Rondo-Finale zum Beispiel die ersten Violinen Akkorde vierfach geteilt im pianissimo zu spielen haben, dann kommen diese so gläsern, so androgyn daher, wie es professioneller nicht geht. Gleichwohl gelingt den Streichern nicht immer den Bläsern Paroli zu bieten in Sachen Intensität (erster Satz) – Mahler instrumentiert eben auch dicker als der darob viel geschmähte Wagner.

Ein Sonderlob verdient auch der Solohornist, der im Scherzo mit technischer Meisterschaft und Sicherheit aufwartet. Reich lässt dieser Mischung aus Ländler und Valse macabre ihr großartige Groteskheit. Schließlich: Das berühmte Adagietto erklingt frei von Verkitschung und dennoch so sinnlich-innig, dass man Details wie eine leicht verstimmte Harfe oder ein verrutschtes Glissando unter den Tisch fallen lassen kann. Das Aka hat seine Zuhörer mit Mahler durchflutet – Besseres lässt sich über eine Interpretation der Fünften kaum sagen.
– Alexander Dick | Badische Zeitung 14.2.17 



Mitreißende Musikalität

Das Akademische Orchester Freiburg zum Semesterauftakt

Warum nicht Traditionen erfindungsreich weiterspinnen? Zusätzlich zu den bewährten Semesterabschlusskonzerten ließ sich das Freiburger Akademische Orchester jetzt auch schon zur Eröffnung des Wintersemesters hören. Das Audimax der Universität war so gut wie vollbesetzt, und man darf glauben, dass die zuverlässig präparierten und präsent aufspielenden Musiker dem überwiegend studentischen Publikum einiges an Schwung in die Vorlesungszeit mitgeben.

Vernachlässigenswert die kleinen Unsicherheiten zu Anfang von Mozarts „Zauberflöten“-Ouvertüre; unter dem Gastdirigat von Felix Mildenberger entsteht eine stabile Darbietung, in der der schnelle Teil zügig, aber ohne Hetze genommen wird – und vor allem transparent bleibt. Die Blechbläser freilich hatten auf ihre Stunde noch zu warten; vielleicht lag das auch an der Akustik des Saales, die entscheidenden Passagen (wie den berühmten Fanfaren) zu wenig Raum zum Klingen lässt. Der erste Satz von Felix Mendelssohns „Reformationssinfonie“ scheint in gleicher Weise problematisch, während die sorgfältig vorbereitete, differenzierte Arbeit der Streicher sehr gefällt. Dagegen dann aber der Rest der Sinfonie: Eine homogene Gesamtleistung, die von allen Schultern gleichermaßen getragen
wird und zudem auf überzeugende Weise musikalisch abgerundet ist. Besonders gilt das von den Mittelsätzen. Das Allegro vivace: schnell, beschwingt und dabei sehr akkurat musiziert; das folgende Andante bringt organisch wachsende und zugleich ineinander verfugte Bögen, die nur einen Kommentar zulassen: So muss es sein.

Staunen macht die Darstellung von Carl Maria von Webers 2. Klarinettenkonzert, die zwischen den vorgenannten Werken erklingt. Kilian Herold gebietet spielerisch über alle Register, alle Nuancen und Schattierungen des Klarinettentons, und er stellt sie so geläufig wie schlüssig in den Dienst der Interpretation. Bemerkenswert energisch, straff der erste Solo-Einsatz; gleichsam am anderen Ende der Skala angesiedelt das verhauchende, wie wegsterbende Rezitativ im langsamen Satz. Das Finale ist nicht nur wegen des rasenden Tempos mitreißend, sondern vor allem wegen der Musikalität, mit der der neue Klarinettenprofessor an der Freiburger Musikhochschule
das auf- und absausende Passagenwerk farbig sprühen lässt. Würden solche Semestereröffnungen zur Tradition: Man hätte wahrlich nichts dagegen.
– Gero Schreier | Badische Zeitung, 19.10.16




Ein Leichtes mit der Leichtigkeit
Das Akademische Orchester feiert seinen 50. Geburtstag mit begeisternder Klassik.

„Lenny“ war so einer. Musik machen und komponieren allein genügte ihm nicht. Er wollte – und konnte – begeistern. In seinem Buch „Von der unendlichen Vielfalt der Musik“ verglich er die aktuelle Glaubenskrise mit der Krise der Musik – und prophezeite, daraus mit „neueren, freieren Ideen“ herauszukommen. Das war 1967. Nun ist es fast schon ein Vierteljahrhundert her, dass Leonard Bernstein gestorben ist. Der Funke seiner Begeisterung zündet noch immer. Nachzuvollziehen ganz aktuell beim Akademischen Orchester Freiburg (Aka), das mit Bernstein seinen 50. Geburtstag feierte.

Die jungen Musikerinnen und Musiker teilen den Überschwang des Komponisten. Seine „Sinfonischen Tänze“ aus der „West Side Story“ sind das rechte Werk, um einen fulminanten Schlusspunkt unter das Jubiläumskonzert im ausverkauften Konzerthaus zu setzen. Noch immer haftet dieser Romeo-und-Julia-Musik eine beispiellose Frische und Unmittelbarkeit an. Dass es durchaus kein Leichtes ist um das so genannte Leichte, das spürt man. Aber ebenso, dass hier ein unglaublich motivierter Klangkörper über sich selbst hinauswächst. Hannes Reich ist der Motivator; der Chefdirigent des Aka weiß um die komplexe rhythmische Architektonik der Musik, und er weiß vor allem, wie man ein Orchester zum Swingen bringt. Der Mambo, den’s dann auch nochmal als Zugabe gibt, ist mit seinen Synkopen ungemein präzise, die Chromatiken in „Cool Boy“ entwickeln in den einzelnen Instrumentengruppen eine fantastische Bedrohlichkeit. Bewegend sind die solistischen Leistungen: vom nicht genug zu rühmenden Solohorn über das Solostreichquartett beim „Somewhere“ bis hin zur Harfe und, natürlich, der ausgezeichneten Perkussion-Gruppe.

Dieses Orchester verfügt in weiten Bereichen über eine Professionalität, an der die überragenden Streichergruppen großen Anteil haben. Deren satter, homogener, ja brillanter Klang ist die Keimzelle der Qualität des russischen Blocks: Borodins „Polowetzer Tänze“ und Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“atmen die Leidenschaftlichkeit von Mütterchen Russland, und Hannes Reich ist ihr kundiger Vermittler, ohne das Orchester in Tempofragen zu schonen. Nicht ganz stabil ist die Holzbläser-Intonation, aber die filigranen Passagen zum Beispiel in der Einleitung zu Tschaikowskys Geniestreich haben es einfach auch in sich. Und selbst hier staunt man ob so mancher Einzelleistung, wie etwa bei der Soloklarinette.

50 Jahre Akademisches Orchester – das ist auch eine Geschichte, die die Apologeten des Todes der Klassik Lügen straft. Man glaubt es Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer gern, dass ihn auf seinen Dienstreisen die CDs des Orchesters als Gastgeschenk mit Stolz erfüllen. Stünde da demnächst Havanna bevor – auch die Interpretation von Gershwins Cuban Ouverture ließe sich hören. Die karibische Klang- und Rhythmusoffensive des Orchesters lässt sogar den Dirigenten über manchen Einsatz hinwegsehen – seine Musici sind zur Stelle. Wohl auch Dank der sorgfältigen Einstudierung und Betreuung durch Musiker des SWR-Sinfonieorchesters. Gut, dass Hans-Jochen Schiewer in seiner Festrede ein Memento für dessen Erhalt parat hat. Die Musikstadt Freiburg braucht solche fruchtbringenden Symbiosen.

– Badische Zeitung vom 08. Juli 2014

Alexander Dick


Wintersemester 2013/14: Badische Zeitung vom 04. Februar 2014

Intensiv, eindringlich
Das Akademische Orchester mit Schumann und Bruckner.

Mit einer bewundernswerten Lässigkeit spielt dieses Horn-Quartett im Freiburger Konzerthaus auf. Obwohl Robert Schumanns „Konzertstück für vier Hörner und großes Orchester“ op. 86 insbesondere für die zwei ersten Solostimmen sehr hoch gesetzt ist, überzeugen die vier Solisten Christoph Eß, Sebastian Schindler, Jan Sebastian Nimczik und Timo Steininger durch einen geschmeidigen Ton und ausgesprochen kantable Linienführung.
Das Akademische Orchester steht den Solisten indes in nichts nach. Hannes Reich dirigiert unaufgeregt und präzise, das Orchester folgt ihm hoch konzentriert und sensibel. Die Übergänge gelingen reibungslos und auch bei den solistischen Einsätzen brillieren die Orchestermusiker. Lediglich im virtuosen dritten Satz hätte die dynamische Abstimmung zwischen Solisten und Orchester etwas ausgewogener sein können.

Mit Anton Bruckners 7. Sinfonie steht in der zweiten Hälfte des Abends ein Werk auf dem Programm, das nicht zuletzt auch ein Prüfstein für die Qualität eines Orchesters ist. Hannes Reich nimmt den ersten Satz „Allegro moderato“ relativ zügig, was den großen Spannungsbögen zugutekommt. Die Streicher sind vom ersten Ton an sehr homogen, ihnen gelingt ein intensiver und eindringlicher Ton. Der Gesamtklang ist stark und zugleich transparent, so dass jede Gruppe, einschließlich der Bässe, gut zu hören ist. Auch das „Adagio“ des zweiten Satzes wird nicht übertrieben ausgekostet, was der pathetischen Wirkung (mit Beckenschlag!) keinen Abbruch tut. Hier glänzt neben den Streichern auch die mit Wagnertuben verstärkte Blechbläsergruppe. Im dritten Satz halten Reich und sein Orchester die innere Spannung. Die rhythmische Präzision, mit der hier gearbeitet wird, ist bemerkenswert.

Die mathematische Struktur des Satzes, den Christian Berger im lesenswerten Programmheft analysiert, wird hörbar. Zudem sind auch die Solo-Passagen, wie beispielsweise die des ersten Flötisten, sehr eindrücklich. Mit einem bewegenden „Finale“ begeistert das Orchester, das wirklich ein erstaunliches künstlerisches Niveau erreicht hat, das Publikum vollends.

Nikola Mirkovic


Sommersemester 2013: Badische Zeitung vom 08. Juli 2013

Was verloren ginge
Christian Ostertag und das Akademische Orchester Freiburg.

„Hindemith – weg damit“: Die Musikwelt war lange ungerecht zu dem Frankfurter Geiger-Bratscher-Komponisten. Dabei: Wer heute, ein halbes Jahrhundert nach dem Tod dieses zweifelsfrei Großen, seiner Sinfonie „Mathis der Maler“ lauscht, sollte die Zeitlosigkeit dieser Musik spüren. Sehr verdienstvoll jedenfalls, dass das Akademische Orchester Freiburg sich ihrer angenommen hat. Und die Interpretation im sehr gut und sehr jugendlich besuchten Konzerthaus ist keineswegs bloß eine akademische Übung – sie ist ein Akt einer überaus achtbaren künstlerischen Auseinandersetzung.

Hannes Reich, seit gut einem Jahr Chefdirigent des Universitätsorchesters, breitet das Triptychon in bemerkenswerter Durchsichtigkeit und Offenlegung der Strukturen aus. Die fugierten Passagen im „Engelskonzert“ erklingen schulbuchmäßig, das tiefe Unisono der Streicher gegen Ende dieses Satzes hat flammende Tonschönheit. Dass der Bläser-, zumal der Holzbläserklang etwas steif und statisch wirkt, wird durch die zahlreichen Sololeistungen doppelt aufgewogen. Und auch in dynamischer Hinsicht lassen die drei Sätze kaum Wünsche offen – von den ergreifenden Pianostellen im zweiten Satz bis zu den ungestümen „Turbachören“ der Streicher gen Ende des Finales. Da spürt man neben der umsichtigen Einstudierung auch das sorgfältige „Coaching“ durch Musiker des Philharmonischen Orchesters und des SWR-Sinfonieorchesters.

Christian Ostertag, dessen erster Konzertmeister, krönt den Abend als Solist in Brahms‘ Violinkonzert. Es sind vor allem sein so ungemein warmer, emotionaler Ton, die diskrete Schönheit und Eleganz seines Spiels, die diese Interpretation so unmittelbar berührend macht. Ostertag kommt dem Gedankenreichtum des ersten Satzes in überaus rhapsodischer Manier bei, verkünstelt sich nicht bei den kunstvollen, die Themen umspielenden Figuren, begegnet ihnen stattdessen mit großer spielerischer Individualität. Die Achtelketten, bei denen der Komponist „dolce lusingando“, also lieblich schmeichelnd vorgibt, geraten ihm vollends zur verspielten Liebeserklärung an dieses großartige Werk – molto rubato. Die unendliche Melodie des langsamen Satzes spinnt er innig fort und die ungarische Couleur des Finalsatzes stößt bei ihm auf fruchtbarsten Boden: eine Interpretation von hoher Reife.

Was verloren ginge, wenn das Freiburger SWR-Sinfonieorchester vom Sender weggespart würde, sei jetzt zu hören, hatte ein Studierender in einer flammenden Rede an das Publikum noch vor dem Konzert gesagt. Was soll man da noch hinzufügen – außer: Wehrt Euch!

Alexander Dick


Wintersemester 2012/2013: Badische Zeitung vom 12. Februar 2013

Zerfall und Aufbau
Freiburg: Mahlers Dritte mit dem Akademischen Orchester.

„Mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen“ wollte Gustav Mahler in seiner dritten Sinfonie, und baute eine Welt, die zunächst zerfällt. Im ersten Satz mit seinen widrigen Höhen, scharfen Abstürzen, umherschwirrenden Marsch-Splittern. Das Akademische Orchester der Universität Freiburg machte im ausverkauften Konzerthaus die ungeheure Anstrengung deutlich, die hinter dem Zusammenzwingen der Elemente steht. Weder fielen unter der Leitung von Hannes Reich die Fragmente des Riesensatzes auseinander noch erschien die – klanglich transparente – Heterogenität als selbstverständlich. Der Weckruf gelang den Hörnern immer, das ganze Blech war präsent, blitzte und tönte stark beim überdrehten Rumtata; doch unter der karnevalesken Oberfläche brodelte es. Der junge Dirigent ließ mit schwungvoll-eleganter Gestik auch Raum für Leerstellen. Bis zur Erlösung, die Mahler vorschwebt, war es noch hin: vier Sätze bis zum sechsten, letzten, aber die anderthalb Stunden waren kurzweilig.

In der stimmigen Interpretation fielen der zweite und der dritte Satz etwas ab. Die Idylle des Menuetts zu wenig gebrochen, die Kontraste im Scherzo recht brav (Posthorn: Pavel Janecek). Berückend aber auch hier: der warme Klang der Hörner, die ihren Dauereinsatz mit einer bewundernswerten Konstanz meisterten.

In der dritten Sinfonie liegen Sinn und Erlösung für Mahler in der Schönheit einer reinen Musik, im großen Instrumentalgesang des letzten Satzes. Das Akademische Orchester spann die unendliche Melodie gefühlvoll aus, die Ruhe des Adagio durchbrach es mit intensiven Rubati. Gesang gab’s davor: im fünften Satz mit dem hellen Chorklang der Damen der Evangelischen Studentenkantorei (Einstudierung: Florian Cramer) und der Freiburger Domsingknaben (Boris Böhmann). Und im geheimnisvollen vierten Satz: Nietzsches Verse gestaltete Nohad Becker mit ihrem dunklen Alt schön in Ausdruck und Phrasierung. „Die Welt ist tief“, sang sie und die souveräne Konzertmeisterin (Anne Brobeil) intonierte sinnliche Zwischenspiele. Da war die Welt wieder in Ordnung.

Dennis Roth